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Vergeudet niemals eine gute Krise

Chancen und Grenzen neuer Informationstechnologien bei der deutsch-japanischen Zusammenarbeit

"Vorab" einer künftigen Publikation unseres Ehrenpräsidenten Dr. Ruprecht Vondran

Mo 22.06.2020, 23:26 Uhr

Was kommt nach der Krise, der wir den Namen „Corona“ verliehen haben? Die Zukunft ist  ungewiss. Schon von Alters her sucht der Mensch in Orakeln und Weissagungen aller Art Auskunft über das Morgen. Doch diese Neugier bleibt ungestillt. Dem haben viele, die vor uns waren, auch die deutschen Klassiker, Ausdruck verliehen. So hat beispielsweise Friedrich Schiller in seinem Lied von der Glocke schon dem Neugeborenen den Vers in die Wiege gelegt: „Ihm liegen noch im Zeitenschoße / die schwarzen und die heitren Lose.“ Das war im Zeitalter der Französischen Revolution, als alles im Wanken war. So ist es bis heute geblieben. Doch noch immer - stets vergeblich - versuchen Menschen,  den Schleier zu heben, der ihnen den Blick nach vorn versperrt - auf den Weg, den sie zu gehen haben.

Von dieser Seite gibt es Antworten. Doch könnten sie widersprüchlicher kaum sein. Die einen sehen, wenn der Lockdown zu Ende ist, den Alltag zurückkehren, eine Normalität wie vor der Pandemie. Die Gewohnheit ist eine bestimmende Kraft, so sagen sie. Doch Zweifel daran sind berechtigt. Werden wir Flugzeuge in großer Zahl wie bisher oder noch mehr am Himmel sehen? Werden Abermillionen Menschen weiterhin auf Fernreisen gehen? Werden Autos auf immer zahlreicheren Bändern um den Globus rollen? Werden die Grenzen zwischen den Völkern wieder unbeschränkt offen sein? Wird die Globalisierung und die internationale Arbeitsteilung eine Fortsetzung finden? Die Liste der offenen Fragen ist beliebig zu verlängern.

Auf der Suche nach Orientierung kommt eine andere Gruppe zu einer gänzlich anderen Antwort: Nein, so wie bisher wird es nicht weitergehen. Der Mensch wird ganz neue Lebensformen suchen. Er wird seine Ressourcen nicht länger überfordern. „Mach Dir die Erde untertan“ wird nicht mehr die Weisung sein. Er wird seinen Platz neu bestimmen. Er ist nicht mehr Herr der Schöpfung, sondern besinnt sich darauf, selbst ein Teil der Natur zu sein. Dementsprechend wird er handeln: Er begnügt sich mit dem, was er regional vorfindet. Er erhebt keinen Anspruch auf das, was das Klima anderen schenkt. Er fordert nicht Anteil an den Bodenschätzen, die andere unter ihren Füßen finden. Er verabschiedet den Kapitalismus und den ihm innewohnenden Wettbewerb. Allenfalls sucht er den friedlichen Austausch zu gerechten Preisen. Doch ist es realistisch auf einen solchen „neuen Menschen“ zu hoffen? Steht dem nicht eine langjährige geschichtliche Erfahrung entgegen? Zeigen nicht - im Gefolge der Corona-Krise - abenteuerliche Verschwörungstheorien, gewalttätige Ausbrüche, Brandschatzung und Plünderung in eine ganz andere Richtung? Werden hier nicht Züge eines ganz düsteren Menschenbildes sichtbar? 

Auch ein Handbuch der „Kollapsologie“ darf uns nicht schrecken

Das führt zu einer dritten, sehr grausamen Zukunftsdeutung. Danach ist es bereits viel zu spät, um noch umzusteuern. Denn diese Krise ist nicht nur Vorbote, so lautet diese Prognose, sondern bereits Teil einer erschreckenden Kette - von künftigen Epidemien, die noch sehr viel mehr an Opfern fordern werden, von Klimakatastrophen, die große Teile der Erde für Menschen unbewohnbar machen werden, von Krieg unt Terror, in denen es ums nackte Überleben geht. Dazu gibt es mittlerweile ein umfangreiche Literatur. Der bekannteste Titel ist vor kurzem vom angesehenen französischen Verlag Editions du Seuil vorgelegt worden, „Comment tout peut s´effronder“ (Wie alles zu Grunde gehen kann). Noch unheilverkündender der Untertitel „Ein kleines Handbuch der Kollapsologie“. Autor ist Pablo Servigne, Agraringenieur und Doktor der Biologie, in Zusammenarbeit mit dem Publizisten Raphael Stevens. Danach ist es fast schon fünf nach zwölf, eine Umkehr kaum noch möglich. Der frühere französische Umweltminister Yves Cochet hat dem ein Nachwort gegeben, in dem es heißt: „Gibt es etwas Wichtigeres als den Inhalt dieses Buches - Nein!“

Auch wenn dem auf deutscher Seite einige Öffentlichkeit gegeben worden ist - das „Philosophie Magazin“ hat im April dieses Jahres eine ganze Ausgabe der „Kollapsologie“ gewidmet, kann diese rabenschwarze Literatur nicht das letzte Wort sein. Ihm ist eine vierte Deutung entgegenzustellen: Gerade wenn es kein einfaches Zurück zur „Normalität“ geben kann und wir auf den „neuen Menschen“ noch warten müssen, gerade wenn wir uns nicht demütig in eine „unentrinnbare Katastrophe“ schicken wollen, müssen wir uns zu unserer Verantwortung bekennen. Wir müssen unsere Gestaltungsfreiheit nutzen, rational und konsequent, jeder auf seinem Platz. Und in diesem Sinn wollen wir im Folgenden das Wort nehmen.

Was heißt das konkret für die Pflege der deutsch-japanischen Beziehungen, die unser besonderes Anliegen sind? Wir werden akzeptieren müssen, dass es künftig deutlich schwieriger sein wird, Fernreisen zu unternehmen, um in persönlicher Begegnung Brücken von Mensch zu Mensch zu bauen und kulturelles Verständnis füreinander zu vertiefen. Preiswerte Gruppenreisen wird es, wenn überhaupt, vermutlich deutlich weniger geben. Wir werden Rücksicht auf die ökologischen Belastungen nehmen müssen, die mit einem Transfer verbunden sind. Da jedes Land um seine eigene Sicherheit besorgt sein wird, ist möglicherweise auch mit verschärften Quarantainevorschriften zu rechnen. Das sind keine guten Nachrichten. Aber alles, was bereits derzeit aus der nüchternen Geschäftswelt zu Reisegewohnheiten zu hören ist, deutet in diese Richtung. Deutliche Einschränkungen sind angesagt.

Das trifft uns sehr. Langwährende vertrauensbildende persönliche Begegnungen sind für alle Formen der Völkerverständigung, auf welcher Ebene auch immer, von Bedeutung. Die hohe Politik bietet dafür ein eher wenig beachtetes Beispiel: Der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl und sein Außenminister Hans-Dietrich Genscher waren über eine lange Wegstrecke im Amt und viel auf Reisen. Sie trafen sich häufig mit den Spitzenpolitikern in aller Welt, auch mit den japanischen Premiers und ihren Außenministern. Dies diente nüchternen Staatsgeschäften. Fast nebenbei und völlig selbstverständlich ergab sich dabei für beide Politiker als „Kollateralnutzen“ ein persönlicher Vertrauensbonus. Das war ein wichtiges Produktivkapital, als es 1989 nach dem Fall der Mauer in harten Verhandlungssrunden um eine Neuordnung ging. Es ist nicht zu hoch gegriffen: Ohne einen hohen Personalkredit, um diesen Begriff aus der Bankersprache zu benutzen, wäre die deutsche Wiedervereinigung nicht möglich gewesen.Wir sollten das Beispiel nicht überstrapazieren. Auf der Ebene unserer Gesellschaften und Verbände stehen vergleichsweise nur sehr kleine Probleme an. Aber auch zu ihrer Lösung können die Beteiligten auf das Produktivkapital Vertrauen nicht verzichten. Deshalb ist es ein großer Verlust, wenn uns Reisebeschränkungen daran hindern, einen möglichst großen Vorrat davon aufzubauen.

130 000 Video-Konferenzen in einer einzigen Firma

Aber diesen Verlust können wir begrenzen, wenn wir klug und konsequent die Chancen nutzen, die zwar schon seit längerer Zeit bestehen, aber erst jetzt in ihrer vollen Bedeutung erkannt werden. In mancher Weise können wir aus der Wirtschaft lernen. Ein Beispiel: Der Chef des großen Chemiekonzerns Bayer, Werner Baumann, wurde kürlich von der Presse gefragt, was mit Blick auf die neuen Arbeitsstrukturen in Corona-Zeiten die größte Überraschung für ihn sei. Seine Antwort kam pfeilschnell und präzis: „Dass es digital so gut funktioniert. In der Bayer-Welt werden jeden Tag rund 130 000 Video-Konferenzen abgehalten. Auch unsere weltweite Produktion arbeitet unter erschwerten Bedingungen unverändert weiter. Die Mitarbeiter zeigen einen unglaublichen Einsatz. Und teilweise erreicht man über die Distanz ironischerweise mehr Nähe als früher, einfach weil man sich öfter sieht“ (FAZ 20.5.2020).

Die Fortschritte in der Informationstechnologie bieten auch im Feld der Kultur, in dem wir uns bewegen, viele Möglichkeiten:

  •  Viel häufiger können wir einander sehen und uns miteinander austauschen; innerhalb des eigenen Landes, aber auch grenzübergreifend.
  •  Mit Hilfe moderner Kommunikationstechnik, insbesondere im Video, können wir Tagesaktuelles deutlich schneller einpflegen und bewerten.
  • Strukturelle Themen - „Wie gewinnen wir die Jugend für unsere Partnerschaft?“, „Wie aktivieren wir die Breite unserer Mitgliedschaft?“, „Wie finden wir Leuchtturmprojekte für unsere Arbeit?“ - sind heute nur schwer aufzurufen. Künftig können wir sie mit langem Atem verfolgen, in kleinen, gemischt deutsch-japanischen Arbeitsgruppen beraten und Stück für Stück bewältigen.
  • Ein gut durchdachtes Zooming gibt auch einer Gruppendynamik, die für Japaner besonders wichtig ist, Raum. Besteht auf einer Seite noch interner Abstimmungsbedarf, so kann sie, ohne unnötig einen Gesichtsverlust oder Härten zu riskieren, die grenzübergreifende Beratung kurzfristig aussetzen und sich nach Klärung neu „einwählen“.

Video-Technik fehlt es an emotionalem Tiefgang

Allerdings müssen wir uns auch der Grenzen neuer Techniken bewusst sein:

  • Die digitalen Plattformen, die heute zur Verfügung stehen, sind angesichts ihrer Ambilvalenz nicht ungefährlich. Einerseits bieten sie eine (willkommene) soziale Funktion, indem sie Menschen zusammenführen, die - aus welchen Gründen auch immer - nicht physisch zusammenfinden können. Andererseits können sie aber auch zersetzend wirken, indem sie Unwahres verbreiten und ihm auf diese Weise eine unangemessene Bedeutung verleihen. Mit moderner Technik ist deshalb besonders sorgsam umzugehen.
  • Für Gruppengespräche bieten die Zooming-Dienste eine im wörtlichsten Sinn anschauliche Plattform. Auf eines aber muss man verzichten: Das vertrauliche, oft zielführende Gespräch von Diskussionspartnern, am Rande größerer Runden sonst üblich, ist hier kaum möglich.
  • Auch Entscheidungsdruck, der in manchen Situationen sehr nützlich sein kann, lässt sich im Videoportal nur schwer aufbauen.
  • Digitale Kommunikation, in welcher Form auch immer, kann zwar über kurze Zeit heftige Bewegungen auslösen. Dafür gibt es eindrucksvolle Beispiele - die „Facebook-Revolution“ in den arabischen Ländern, die „Occupy- Bewegung“, die sich vor allem gegen die Macht der Banken wandte, die kurzlebige „Piratenpartei“ und andere. Aber wissenschaftliche Untersuchungen zeigen,dass nur wenig an dauerhaftem emotionalen Tiefgang bewirkt wird. Das ist ein Mangel, denn auf diese völkerverbindende Kraft kommt es in den deutsch-japanischen Beziehungen besonders an.

An dieser Stelle wird deutlich: Information ist besser denn je zu tranportieren. Aber Präsenz, in Form von persönlichen vertrauensbildenden Begegnungen, ist unverzichtbar. Diese Waage ist sorgsam zu tarieren. Gelingt dies, so bieten die neuen Medien in großer Breite eine Chance zur Vertiefung der Beziehungen. Wir sollten uns auf den Weg machen.

Zum Schluss noch ein Griff in die Geschichte, eher eine Anekdote: Februar 1945, Schauplatz Jalta auf der Krim. Der zweite Weltkrieg nähert sich der Schlussphase. Den Sieg vor Augen sind die Großen Drei, Rossevelt, Stalin und Churchill, zusammengekommen. Es geht um Einfluss und Macht, um die Dominanz in Europa. Die Interessen stoßen sich hart im Raum. Zeitweise wird es  heftig. Ein Scheitern ist nicht auszuschließen. In dieser verfahrenen Situation legt sich Winston Churchill ins Zeug: „Never let a good crises go to waste!“. Das Wort wirkt Wunder. Vieles bleibt offen. Aber unter Erfolgsdruck kommt eine Skizze ziur Gründung der Vereinten Nationen zustande. Und das Wort wirkt weiter. Auf Deutsch liest es sich so: „Vergeudet niemals eine gute Krise!“

© Pixabay © Pixabay
Dr. Ruprecht Vondran
Ehrenvorsitzender des DJW sowie des Verbands Deutsch-Japanischer Gesellschaften e.V. 
info@djw.de
www.djw.de
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