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Wege nach Japan. Chancen für deutsche Unternehmen in der Energiebranche

Dr. Julia Münch, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied, DJW

Potenziale erneuerbarer Energien in Japan

Sa 03.02.2018, 08:00 Uhr

Mit einem Bruttoinlandsprodukt von knapp 5 Billionen US Dollar (2016) ist Japan hinter den USA und China noch vor Deutschland aktuell die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt und erbringt über ein Drittel der Wirt­schaftsleistung Asiens. Entsprechend hoch ist der Bedarf an Energie (Abb. 2). Dieser wird derzeit zu über 90 Prozent über Importe aus dem Ausland gedeckt. Eine Unabhängigkeit vom Import fossiler Energieträger wie Öl und Flüssiggas ist für das rohstoffarme Inselland im fernen Osten von großem Interesse.

Außerdem hält Japan an der internationalen Klimaschutzvereinbarung fest und hat es sich zum Ziel gesetzt, seine umweltschädlichen Treib­hausgas­emissionen bis zum Jahr 2050 drastisch zu redu­zieren. Die Diskussion um einen künftigen Energiemix spitzte sich 2011 in Folge des Tsunami und der damit einhergehenden Erdbeben- und Reak­torkatastrophe zu, denn ursprünglich hatte die japanische Regierung geplant, bis 2030 50 Prozent des Energiebedarfs, aufgrund der guten Wirtschaftlichkeit, mit Atomenergie zu decken. In Folge des Unfalls am Atom­kraftwerk Fukushima Daiichi kündigte der damalige Premierminister Yoshihiko Noda den Ausstieg Japans aus der Atomkraft an, und kurzfristig betrug der Nuklearanteil weniger als ein Prozent am japanischen Energiemix.

Während Deutschland in Folge der Katastrophe konsequent die Energie­wende einläutete und alle Atomkraftwerke vom Netz nahm, beschloss Amtsnachfolger Premierminister Shinzō Abe den „Ausstieg vom Ausstieg“ und führte 2014 aus ökonomischen Gründen die Atomkraft wieder ein. Für das Jahr 2030 wird ein Anteil von 20 Prozent Atomenergie am gesamten Energiemix angestrebt (Abb. 1).

Potenziale erneuerbarer Energien in Japan

Die energiepolitische Strategie („Long-term Energy Supply and Demand Outlook for FY2030“) sieht darüber hinaus einen Anteil von 22 bis 24 Prozent regenerativer Energie am gesamten Energiemix vor. Aufgrund seiner einzigartigen geologischen und geographischen Gegebenheiten (Abb. 3) verfügt Japan über diverse „grüne“ Energiequellen:

  • Solar: Japanische Unternehmen im Bereich der Photovoltaiktechnologie sind weltweit füh­rend. Auf­grund beengter Platzverhältnisse wird der Großteil der Solaranlagen in Privathaus­halten verbaut. 2012 wurde zur Förderung der erneuerbaren Energien eine Energie-Ein­speisevergütung (Feed-in Tariff) eingeführt, die maßgeblich zum Boom von Solarstrom in Japan beitrug. Auch wenn in Japan auf­grund der Abhängigkeit von Wetterphänomenen selten Höchstleistungen bei der Erzeugung von Energie durch Sonnenlicht erreicht werden, musste für kleine Photovoltaik-Anlagen bereits 2015 auf­grund ausgelasteter Übertragungs­netze eine Sonderregelung zur Begrenzung der Einspeisung erlassen werden.
  • Wasserkraft: Die japanischen Berge bedecken etwa 70 Prozent der Landschaft; es gibt viele kurze Flüsse mit hohem Gefälle. Die Wasserkraft ist im Bereich kleinerer und mittelgroßer Wasserkraftwerke daher bereits sehr gut erschlossen und das Potenzial nahezu ausgeschöpft. Da die Länge der japanischen Küstenlinie rund 5.450 km beträgt, soll darüber hinaus auch mit Gezeiten- und Wellenkraftwerken das Potenzial von Meeresenergie für die Strom­er­zeugung genutzt werden. Erste Demon­stra­tionsprojekte wurden bereits gestartet.
  • Windkraft: Die bergige Landschaft in weiten Teilen Japans lässt für Onshore-Windanlagen wenig Raum. Das höchste Windvorkommen bietet der flache Norden Japans, Hokkaido, wo sich allerdings keines der industriellen Zentren befindet. Potenziale liegen daher vor allem im Offshore-Bereich. Japan setzt aufgrund der extremen Wassertiefen neuerdings vor allem auf schwimmende Windanlagen. Ein latentes Risiko besteht in der Zerstörung von Windturbinen durch die häufigen Taifune.
  • Biomasse: Aufgrund der bergigen Landschaft stehen in Japan nur wenige Ackerflächen zur Ver­fügung, die sich zu Biomasseerzeugung eignen würden. Das größte ungenutzte Potenzial liegt im Bereich der Holzabfälle aus Forstbetrieben – allerdings ist das Sammeln aufgrund der schweren Zugänglichkeit der japanischen Bergwälder mühsam und teuer.
  • Erdwärme: Das Land verfügt nach den USA und Indonesien über die drittgrößten Geo­thermie-Reserven der Welt, denn unmittelbar vor der japanischen Pazifikküste treffen gleich vier tektonische Platten aufeinander. Dies ist Ursache ständiger Erdbeben und eines hohen Vulkanismus, was grundsätzlich ideale Voraus­setzungen zur Gewinnung von Energie durch Erdwärme bietet. Allerdings liegen über 80 Prozent der Geothermie-Reserven in National­parks oder touristisch genutzten Be­rei­chen. Betreiber der berühmten heißen Quellen (Onsen) fürchten außerdem das Fernbleiben von Kunden bei Kraftwerksbau.

Aufgrund der bestehenden Abhängigkeiten und Unberechenbarkeiten von Umwelteinflüssen ist die japanische Wirtschaft bei Investitionen in erneuerbare Energien generell eher zögerlich. Eine weitere Herausforderung bei der Einführung „grü­nen“ Stroms besteht neben der schwankenden Verfügbar­keit in der Beson­derheit Japans, dass sich aufgrund unterschiedlicher Netzfrequenzen innerhalb des Landes der gewon­nene Strom nicht ohne hohe Verluste über das Land verteilen lässt. Eine Sektoren­kopplung, wie sie in Deutschland zur Dekarbonisierung von Verkehr und Wärmever­sorgung ange­strebt ist, ist dadurch nicht ohne weiteres zu realisieren.

Energiepolitische Trends

Als mögliche Lösung für die Speicherproblematik erneuerbarer Energien und als Energiequelle z. B. für eine klimafreundliche Antriebstechnologie setzt die japanische Regierung stark auf Wasserstoff. Bis zu den Olympischen Sommer­spielen im Jahr 2020 werden allein in Tokyo 40 Milliarden Yen (ca. 303 Millionen Euro) in die Entwicklung der Wasser­stofftechno­logie investiert. Das olympische Dorf soll dann als Modellprojekt dienen. Der genutzte Wasserstoff wird öffentlichkeitswirksam mit erneuerbarem Strom aus Fukushima – einem der künftigen Hauptproduktion­standorte – hergestellt und nach Tokyo transportiert. Zu diesem Zeitpunkt sollen laut japanischem Wasserstoffenergie­plan bereits 40.000 Brennstoffzellen­fahrzeuge auf Japans Straßen unterwegs sein. Bis 2030 soll die Zahl dann auf 800.000 Wasserstoff-Autos ansteigen. In jüngerer Zeit wurden bereits große Fortschritte in der Forschung und Entwicklung der mobilen Anwendung im Verbrennungs­motor erzielt. Vorreiter mit serienreifen Produkten sind japanische Unternehmen wie Toyota und Honda. Auch im stationären Bereich bei der Versor­gung ganzer Häuserkomplexe mit Brennstoffzellen-Heizungen setzt Japan flächendeckend auf Wasserstoff –200.000 Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen zur Strom- und Heißwasser­versorgung in privaten Haushal­ten wurden bislang installiert. 2020 sollen 1,4 Millionen Einheiten im Einsatz sein (5,3 Millionen bis 2030).

Zusätzlich nimmt Japan außerdem die Liberalisierung des nationalen Strommarktes ins Visier – mit dem Ziel, die Effektivität des Stromnetzes zu verbessern. Anfang 2013 legte die Regierung einen entsprechenden Reformplan vor. Dieser sieht vor, dass in drei Stufen bis spätestens 2020 die Mono­pol­stellung der zehn großen regionalen Versorger („EPCOs“) aufgelöst und der Markt komplett für neue Anbieter geöffnet wird. Diese zehn Unternehmen agierten bis 2016 noch als regionale Monopole und stellen mehr als 90 Prozent der gesamten Erzeugungskapazität bereit. Auf dem Strommarkt deckten sie etwa 96 Prozent des gesamten Handels ab. Alle Endkunden können auf einem liberalisierten Markt ihren Stromlieferanten ab sofort frei wählen. Gleichzeitig soll durch die Reform der Wettbewerb innerhalb des Strommarktes gefördert und damit einhergehend auch die nach der Erdbebenkatastrophe stark gestiegenen Strompreise in Japan gesenkt werden. Im April dieses Jahres wurde darüber hinaus auch mit der Deregulierung des Gasmarkts begonnen.

Chancen für deutsche Energie-Unternehmen

Durch die anstehenden Veränderungen ergeben sich zahlreiche Chancen für deutsche Unternehmen. Der Absatzmarkt in Japan für innovative Produkte im Bereich der erneuerbaren Energien ist in den letzten Jahren enorm gewachsen und bietet großes Potenzial für Technologie­partnerschaften mit japanischen Unternehmen. Besonderes Interesse besteht an innovativen Produkten aus den Bereichen Offshore-Windparks, Netzausbau und Smart Grids. Ein großes Interesse besteht in Japan auch an der in Deutschland vorangetriebenen Power-to-Gas-Technologie, die über dem Bedarf liegende temporäre Stromüberschüsse nutzt, um Strom aus erneuerbaren Energien („Power“) per Elektrolyse in Wasserstoff („Gas“) umzuwandeln Diese Methode nutzt das Problem der bisher unzureichenden Speicher- und Transportmöglichkeiten von Strom aus regenerativen Energiequellen und ermöglicht damit eine Integration des „grünen“ Stroms in alle Energieverbrauchssektoren. Momentan wird der in Japan genutzte Wasserstoff noch fast ausschließlich aus fossilen Energiequellen erzeugt.

In ganz Japan gibt es viele aktuelle Projekte, an denen verschiedene internationale Organisationen, die Europäische Union und auch deutsche Bundesländer mitwirken. Zwischen dem Land Nordrhein-Westfalen und der Präfektur Fukushima besteht beispielsweise seit dem Jahr 2014 ein reger Austausch von Knowhow zur Energieeinsparung, Energieeffizienz und erneuerbaren Energien mit dem Ziel, die gesamte Präfektur Fukushima bis zum Jahr 2040 mit Energie aus erneuerbaren Quellen zu versorgen. Um dieses Ziel erreichen zu können, wurde bereits eine Offshore-Windfarm vor der Küste geschaffen. Zusätzlich sollen bis 2020 etwa 1 Gigawatt mit Hilfe von Windturbinen, Solarpanels, Biomasse, Geothermie und Wasserkraft produziert werden.

Anlaufstellen und Kontakte

Das DJW-Netzwerk bietet deutschen Unternehmen auf dem Weg nach Japan zahlreiche Anlaufstellen. Neben einer auf www.djw.de online zugänglichen, umfassenden Kontaktdatenbank professioneller Dienstleister und potenzieller Geschäftspartner in Deutschland und Japan („Expertenpool“), einem „Info­pool“ mit Hintergrundinformationen zum japanischen Markt und einer deutsch-japanischen Jobpool organisiert der Wirtschaftskreis Symposien, Seminare und Arbeitsgruppen zu verschie­denen Themen – auch im Energiebereich.

Erste Anlaufstelle auf japanischer Seite stellt darüber hinaus die JETRO (Japan External Trade Organization) mit ihren vielfältigen Unterstützungsangeboten und weitreichender Förderung wie Einladungsprogrammen und dem Angebot temporärer Büroräume dar (www.jetro.go.jp/germany/). Darüber hinaus bieten zahlreiche regionale Wirtschaftsför­derungs­büros der Präfekturen und Kom­mu­nen, Handelskammern und Verbände Hilfestellung beim Markteintritt. Auf Ebene der Europäischen Union steht das EU Centre for Industrial Cooperation (www.eujapan.com) Ihnen beratend zur Seite. Auf deutscher Seite unterstützen die Deutsche Industrie- und Handelskammer in Tokyo (www.japan.ahk.de) und die Wirtschaftsför­derungs­gesell­schaften der einzelnen Bundesländer. Im Energiebereich geben die Deutsche Energieagentur (www.dena.de) und die Exportinitiative Energie (www.german-energy-solutions.de) kleinen und mittleren deutschen Unter­nehmen Hilfe­stellung bei der Erschließung von Märkten im Ausland. Auch die Energieagentur NRW (www.energieagentur.nrw) bietet aktuelle Seminare zum Markteintritt in Japan an.

Neben Veranstaltungsbesuchen und diversen Matching-Plattformen unterschiedlicher Anbieter stel­len u. a. auch Industriemessen eine gute Möglichkeit dar, mit potenziellen japanischen Geschäfts­partnern in Kontakt zu kommen. Als bedeutendste Messen in Japan im Bereich der erneuerbaren Energien gelten die World Smart Energy Week in Tokyo und Osaka (https://www.wsew.jp/) sowie die Renewable Energy Exhibition in Yokohama (www.renewableenergy.jp/2018/english/index.html). Auch in Deutschland können im Rahmen von Messen gezielt Kontakte zu japanischen Ausstellern geknüpft werden. 

Der vorliegende Artikel ist die Verschriftlichung eines Vortrags bei einer Dialogveranstaltung „Partnerschaften für die Internationalisierung“ des House of Energy e.V. (HoE). 

Abb. 1: Energiemix in Deutschland und Japan Abb. 1: Energiemix in Deutschland und Japan
Abb. 2: Die größten Energieverbraucher weltweit Abb. 2: Die größten Energieverbraucher weltweit
Abb. 3: Mix der erneuerbaren Energien in Japan Abb. 3: Mix der erneuerbaren Energien in Japan
Dr. Julia Münch
Director, Japanese-German Business Association (DJW)
info@djw.de
http://www.djw.de
Dr. Julia Münch
Director, Japanese-German Business Association (DJW)
info@djw.de
http://www.djw.de

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