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Von der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und den Schröder-Reformen lernen

Tetsuo Narukawa, Director & Executive Adviser, Nippon Steel Kowa Real Estate Co., Ltd.; DJW-Vorstandsmitglied

Dieser Artikel erschien ursprünglich in den DJW News 4/2015

So 04.10.2015, 12:36 Uhr

 

Die Japan Association of Corporate Executives (jap. Keizai Doyukai) wurde direkt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gegründet und zählt zu den drei bedeutendsten Wirtschaftsverbänden in Japan. Während in den beiden anderen Verbänden Unternehmen als Mitglieder gezählt werden, setzt sich die Japan Association of Corporate Executives aus Privatpersonen zusammen, die über Wirtschaftsthemen des In- und Auslandes aller Art frei diskutieren und der Allgemeinheit Stellungnahmen dazu anbieten, ohne durch die Interessen einzelner Unternehmen oder Branchen gebunden zu sein. Zurzeit bin ich Trustee der Japan Association of Corporate Executives. Gleichzeitig bin ich auch stellvertretender Vorsitzender des Commitee on Europe / Russia-Japan Relations innerhalb der Japan Association of Corporate Executives. Dieses Komitee hat für das Jahr 2014 als Vorschlag für politische Maßnahmen ein Dokument mit dem Titel: „Von der Wettbewerbsfähigkeit Europas lernen – mit besonderem Fokus auf den ‚Schröder-Reformen‘ Deutschlands“ zusammengestellt. Im Folgenden möchte ich allen DJW-Mitgliedern den Inhalt dieser Zusammenstellung vorstellen. An dieser Stelle möchte ich im Namen der Japan Association of Corporate Executives dem Vorstandsvorsitzenden des DJW, Herrn Wiesheu, für seine zahleichen Hinweise, die er uns im Entstehungsprozess dieser Übersicht zu Teil werden ließ, herzlich danken.

„In der Geschichte der europäischen Wirtschafts- und Politikreformen Lösungsansätze für heutige Probleme Japans finden“ – das war 2014 das Thema des Commitee on Europe / Russia-Japan Relations. Dabei wurde der Fokus auf die „Schröder-Reformen“ gelegt, die in den 2000er Jahren in Deutschland umgesetzt wurden, welches innerhalb der EU-Staaten ein beträchtliches Wirtschaftswachstum zu verzeichnen hatte. Im Oktober 1990 realisierte Deutschland durch die herausragende Politik von Bundeskanzler Helmut Kohl den Traum von der Vereinigung von Ost- und Westdeutschland. Aber durch die mit der Integration Ostdeutschlands verbundenen schweren finanziellen Belastungen, die Verstärkung des Wettbewerbs infolge der Industrialisierung der mitteleuropäischen Nachbarländer, die Aushöhlung der Binnenindustrie, d der demographische Wandel, die auf der sozialistischen Idee begründeten umfangreiche  Sozialversicherung sowie durch starre Arbeitsbestimmungen sank Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit. Die Konjunktur erreichte ihren Tiefstand, die Arbeitslosenquote war hoch und das Land tief in den roten Zahlen. Deutschland galt als „der kranke Mann Europas“.

Der nachfolgende Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) führte ein Gesamtpaket ein, das mit Blick auf (zukünftige) EU-Erweiterungen Maßnahmen zur Stärkung der Kostenwettbewerbsfähigkeit der Industrie zum Ziel hatte. Er begründete damit die wirtschaftliche Überlegenheit Deutschland innerhalb der EU. Das Europa-Russland-Komitee kam/ zu dem Schluss, dass hierin einer der Hauptfaktoren für die überaus starke Präsens Deutschlands innerhalb der EU liegt. Aus den Besonderheiten der deutschen Strategie haben wir die wichtigsten Ideen für das heutige Japanherausgearbeitet:

1.       Bei der Umsetzung politischer Maßnahmen entfaltete sich sowohl Stärke als auch eine langfristige politische Führung. Mit dem Fokus auf einer Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit privater Unternehmen wurde das Modell der ‚sozialen Marktwirtschaft‘ korrigiert, ‚nachhaltige Strukturreformen‘ durchgeführt, die Kosten im Zusammenhang mit unternehmerischen Aktivitäten drastisch gesenkt und die effiziente Nutzung unternehmerischer Ressourcen angestrebt.

2.       Traditionell ist die produzierende Industrie in Deutschland stark durch ihre Innovationskraft ihrer Unternehmen, die wiederum gestützt wird durch die Kooperation von Wirtschaft, Politik und Wissenschaft.

3.       Deutschland nutzt seinen Vorteil als EU-Land und rekrutiert im Rahmen der Arbeitnehmerfreizügigkeit innerhalb der EU aktiv Arbeitskräfte im In- wie auch Ausland.

4.       Außerdem findet innerhalb Deutschlands das traditionelle Meister-System und daneben ein Dualbildungssystem hochqualifizierter Arbeitskräfte seine Anwendung.

Das heutige Japan sieht sich dem entscheidenden Moment gegenüber, in dem es diverse Lösungsansätze ersinnen muss und wir hoffen, dass die Ergebnisse des Berichts nutzbringend für die Förderung der jetzt anstehenden Reformen in Japan sein werden. Mit Amtsantritt der neuen Abe-Regierung im Dezember 2012 hat sich die Haltung der Regierung zur Wirtschaft stark verändert: Um in Zukunft ein nachhaltiges Wachstum in der japanischen Wirtschaft und Gesellschaft erreichen zu können, sind umfangreiche Reformen notwendig. Wir werden wohl nicht zu der jahrzehntelangen, altvertrauten Deflationswirtschaft der Vergangenheit zurückkehren. Doch ob die sogenannten Abenomics, denen einige Risiken innewohnen und die sich gegenwärtig vor allem auf Privatinvestitionen und Wachstum des Exports und der Inlandsnachfrage fokussieren, die japanische Wirtschaft ernsthaft ankurbeln werden, hängt insbesondere davon ab, wie Japan künftig verschiedene Regulierungs- und Strukturreformen, die grundlegend für ein kontinuierliches Wachstum der japanischen Wirtschaft und Gesellschaft sind, umsetzen kann.

 

Auch wenn dies angesichts des Einflusses der Globalisierung und eines beispiellosen, schnell voranschreitenden demographischen Wandels, die die japanische Gesellschaft  in den nächsten 10 bis 20 Jahren grundlegend verändern wird, ein schwieriges Unterfangen werden wird, darf sie eine Reaktion darauf nicht auf künftige Generationen verschieben. In dieser Situation frage ich mich, ob es nicht Zeit ist für einen Richtungswechsel hinsichtlich einer Verstärkung der deutsch-japanischen Beziehungen. Je mehr die Globalisierung der Wirtschaft und der demographische Wandel voranschreiten, desto größer ist der Spielraum für beide Länder zur Zusammenarbeit: Als hoch entwickelte Industrienationen sind sie beide mit den gleichen Fragen konfrontiert, wie der Notwendigkeit von Strukturreformen und die Förderung der Wirtschaft der Zukunft. Japan und Deutschland haben gemeinsame Interessen als hochentwickelte, einflussreiche Staaten und als Staaten mit demokratischen Werten. Selbst wenn sie nicht so einflussreich wie die Supermacht USA sind, so haben sie doch einen gewissen globalen Einfluss. Und Japan und Deutschland sind mehr noch als eine Supermacht abhängig von einer globalisierten Welt. Wenn Globalisierung und demokratische Normen nicht gut funktionieren und ihre Stabilität nicht gesichert ist,  können beide Länder ihren Wohlstand nicht aufrechterhalten. Insofern bestehen für beide Länder Gemeinsamkeiten im Nutzen, den Wertvorstellungen und den Strategien. Obgleich sowohl Deutschland wie Japan nach dem Zweiten Weltkrieg ein Wirtschaftswunder vollbracht haben, so sind sie danach doch teilweise unterschiedliche Wege gegangen. Nicht allein, dass Deutschland als Reaktion auf die Globalisierung Japan einen Schritt voraus ist. Deutschland ist ein Land mit Vorbildfunktion, das uns viele Anregungen bieten kann, wie ein Land – wie Japan – sein sollte. Natürlich gibt es viele Unterschiede zwischen dem Inselstaat Japan im Pazifik und dem mitten auf dem europäischen Kontinent gelegenen Deutschland. Für Deutschland sind die Beziehungen zur EU von größter Bedeutung, Japan muss den Beziehungen zu den USA und auch China große Bedeutung beimessen. Weitere Unterschiede liegen in der Finanzpolitik, den Maßnahmen gegen die Erderwärmung und der Einwanderungspolitik. Aber je weiter die Globalisierung voranschreitet, umso mehr nehmen die Gemeinsamkeiten zu. Gerade weil es unterschiedliche Standpunkte gibt, erweitern sich die Bereiche, in denen Japan und Deutschland sich ergänzen können. Betrachtet man die Geschichte beider Länder, gab es in den vergangenen 150 Jahren einen tiefgreifenden kulturellen und wissenschaftlichen Austausch, aber das allein ist nicht ausreichend. Heute ist eine Stärkung neuer wirtschaftlicher und politischer Beziehungen zwischen Deutschland und Japan auf diesem Fundament notwendig, insbesondere auch auf der Ebene persönlichem zwischenmenschlichen Austausches. Sollten wir als DJW dabei nicht noch eine größere Rolle übernehmen?

Den vollständigen Bericht des Commitee on Europe / Russia-Japan Relations (auf Japanisch) finden Sie hier.

(Übersetzung durch den DJW)

umfangreiche Sozialversicherung sowie durch starre Arbeitsbestimmungen sank Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit. Die Konjunktur erreichte ihren Tiefstand, die Arbeitslosenquote war hoch und das Land tief in den roten Zahlen. Deutschland galt als „der kranke Mann Europas“.

Der nachfolgende Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) führte ein Gesamtpaket ein, das mit Blick auf zukünftige EU-Erweiterungen Maßnahmen zur Stärkung der Kostenwettbewerbsfähigkeit der Industrie zum Ziel hatte. Er begründete damit die wirtschaftliche Überlegenheit Deutschlands innerhalb der EU. Das Commitee on Europe / Russia-Japan Relations kam zu dem Schluss, dass hierin einer der Hauptfaktoren für die überaus starke Präsens Deutschlands innerhalb der EU liegt. Aus den Besonderheiten der deutschen Strategie haben wir die wichtigsten Ideen für das heutige Japan herausgearbeitet:

1. Bei der Umsetzung politischer Maßnahmen entfaltete sich sowohl Stärke als auch eine langfristige politische Führung. Mit dem Fokus auf einer Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit privater Unternehmen wurde das Modell der ‚sozialen Marktwirtschaft‘ korrigiert, nachhaltige Strukturreformen durchgeführt, die Kosten im Zusammenhang mit unternehmerischen Aktivitäten drastisch gesenkt und die effiziente Nutzung unternehmerischer Ressourcen angestrebt.

2. Traditionell ist die produzierende Industrie in Deutschland stark durch die Innovationskraft ihrer Unternehmen, die wiederum gestützt wird durch die Kooperation von Wirt­schaft, Politik und Wissenschaft.

3. Deutschland nutzt seinen Vorteil als EU-Land und rekrutiert im Rahmen der Arbeitnehmerfreizügigkeit innerhalb der EU aktiv Arbeitskräfte im In- wie auch Ausland.

4. Außerdem findet innerhalb Deutschlands das traditionelle Meister-System und daneben ein duales Ausbildungssystem für hoch­qualifizierter Arbeitskräfte seine Anwendung.

Das heutige Japan sieht sich dem entscheidenden Moment gegenüber, in dem es diverse Lösungsansätze ersinnen muss, und wir hoffen, dass die Ergebnisse des Berichts nutzbringend für die Förderung der jetzt anstehenden Reformen in Japan sein werden. Mit Amtsantritt der neuen Abe-Regierung im Dezember 2012 hat sich die Haltung der Regierung zur Wirtschaft stark verändert: Um in Zukunft ein nachhaltiges Wachstum in der japanischen Wirtschaft und Gesellschaft erreichen zu können, sind umfangreiche Reformen notwendig. Wir werden wohl nicht zu der jahrzehntelangen, altvertrauten Deflationswirtschaft der Ver

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