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Kolumne (Oktober 2025)

Gerhard Wiesheu, DJW Vorstandsvorsitzender

Japan im Wandel: Stabilität durch Erneuerung

Mi 15.10.2025, 08:13 Uhr

Es gibt ökonomische Epochen, die sich nicht durch spektakuläre Wendepunkte, sondern durch leise, aber dauerhafte Veränderungen ankündigen. Japan befindet sich derzeit genau in einer solchen Phase. Über mehr als zwei Jahrzehnte schien Japans Wirtschaft in einer Art ökonomischem „Winterschlaf“ gefangen zu sein. Trotz einer sehr lockeren Geldpolitik – der Leitzins lag lange Zeit bei null Prozent – blieben Wachstum und Inflation aus. Doch allmählich hat sich das Blatt gewendet. Seit dem wirtschaftspolitischen Kurswechsel unter Premierminister Shinzo Abe 2013 hat Japan schrittweise seine Deflationsphase überwunden.

Japan vor neuen Herausforderungen?

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung rücken nun andere Faktoren in den Fokus. Natürlich sind auch die politischen Rahmenbedingungen nicht ohne Risiko. Die aktuelle Regierungskrise in Tokio, ausgelöst durch Spannungen in der Regierungskoalition, wirft Fragen auf. Die Ungewissheit über die politische Zukunft von Sanae Takaichi, die die erste weibliche japanische Premierministerin werden könnte, sorgte in der vergangenen Woche für kurze Unruhe.

Gleichzeitig zeigt sich aber, dass Japan selbst in politisch bewegten Zeiten auf institutionelle Verlässlichkeit bauen kann. Japans politische Kultur ist besonders: Sie ist von Konsens, nicht von Konfrontation geprägt. Selbst in Krisenzeiten bleiben die staatlichen Institutionen handlungsfähig und die wirtschaftspolitische Kontinuität gewahrt.

Was können wir in Deutschland lernen?

Gerade diese Gelassenheit verweist auf etwas Grundsätzlicheres. Aus meiner Sicht ist genau das die wichtigste Botschaft dieser Tage: Japan ist zurück – aber nicht als lauter Herausforderer, sondern als vertrauensvoller Partner. Es ist ein Land, das aus jahrzehntelanger Erfahrung gelernt hat, wie wertvoll Stabilität ist. Es weiß, dass wirtschaftliche Resilienz nicht allein aus Wachstum entsteht, sondern aus der Fähigkeit, Herausforderungen ohne Übermut zu meistern.

Diese Haltung macht Japan für Europa zu einem wichtigen Partner. Für uns in Europa – und besonders für uns in Deutschland – ist das mehr als eine Beobachtung aus der Ferne. Es ist eine Einladung, die Partnerschaft mit Japan zu vertiefen. Beide Volkswirtschaften stehen vor ähnlichen Aufgaben: etwa demografischer Wandel oder die technologische Transformation. Japan zeigt, dass man diese Herausforderungen nicht durch kurzfristige Programme, sondern durch langfristige Kohärenz bewältigt. Und das ist vielleicht die wertvollste Lektion, die eine der größten Volkswirtschaften der Welt derzeit erteilen kann. Es gibt viel zu beobachten, aber noch mehr zu lernen.

Gerhard Wiesheu
Vorstandssprecher, B. Metzler seel. Sohn & Co. AG
DJW-Vorstandsvorsitzender
info@djw.de
http://www.djw.de
Gerhard Wiesheu
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DJW-Vorstandsvorsitzender
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