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Kolumne (Oktober 2016)

Gerhard Wiesheu, DJW-Vorstandsvorsitzender

Geldpolitik an ihre Grenzen?

Mo 03.10.2016, 13:54 Uhr

Das Wachstum der Weltwirtschaft verläuft in diesem Jahr ebenso schleppend wie in den vergangenen Jahren, und es gibt keine Anzeichen, dass sich das Tempo schon bald beschleunigen könnte. Und das, obwohl die Zentralbanken weltweit seit der Finanzmarktkrise den Leitzins etwa 700 Mal gesenkt haben und unorthodoxe Liquiditätsschritte gegangen sind. Zudem scheint die Geldpolitik immer mehr an ihre Grenzen zu stoßen und Befürchtungen zu wecken, dass weitere Schritte eher kontraproduktiv sein und dem Bankensystem, den Versicherern und den Altersvorsorgesystemen Schaden zufügen könnten. Daher richtet sich der Fokus zunehmend auf die Fiskalpolitik – umso mehr, als viele Staaten ihre Ausgaben für Infrastruktur und Bildung in den vergangenen Jahrzehnten gekürzt haben und die Infrastruktur vielerorts langsam verfällt. Auf den ersten Blick erscheinen solche Investitionen mit einer positiven Renditeerwartung für die Gesamtwirtschaft derzeit äußerst sinn-voll, da viele Länder zu sehr niedrigen oder sogar negativen Zinsen Kredite aufnehmen können. Damit einher geht je-doch die große Gefahr, dass die Staaten öffentliche Gelder verschwenden, wie unter anderem zahlreiche ungenutzte Bauruinen in Japan und in der Europäischen Union zeigen. Daher wäre es dringend erforderlich, die Planungen, die Auftragsvergabe und die Ausgaben besser zu kontrollieren – zumal sich das politische Klima grundsätzlich gewandelt zu haben scheint und höhere Staatsausgaben zunehmend auf die Agenda kommen. In den USA stehen sowohl bei Hillary Clinton als auch bei Donald Trump deutlich höhere Infrastrukturausgaben im Wahlprogramm, die Europäische Union plant, ihr entsprechendes Investitionsprogramm auf 630 Milliarden EUR zu verdoppeln, und Japan hat seine Staatsausgaben bereits in diesem Jahr moderat erhöht. Vor diesem Hintergrund scheint die Initiative der japanischen Regierung auf dem G7-Gipfel im Mai 2016, die Fiskalpolitik in den wichtigsten Industrienationen gemeinsam expansiver zu gestalten, doch noch Chancen auf Erfolg zu haben. Die Weltwirtschaft würde davon kurzfristig profitieren und stärker wachsen. Höhere Staatsausgaben bedeuten nicht notwendigerweise höhere Schulden, wenn die Staaten in wirtschaftlich sinnvolle Projekte investieren, mit denen sie ihre Wirtschaftsleistung nachhaltig steigern.

Gerhard Wiesheu
Partner,  Bankhaus B. Metzler seel. Sohn & Co. KGaA
Vorstandsvorsitzender, Deutsch-Japanischer Wirtschaftskreis (DJW)
info@djw.de
http://www.djw.de
Gerhard Wiesheu
Partner, Bankhaus B. Metzler seel. Sohn & Co. KGaA
Vorstandsvorsitzender, Deutsch-Japanischer Wirtschaftskreis (DJW)
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