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Kolumne (Mai 2026)

Gerhard Wiesheu, DJW Vorstandsvorsitzender

Freihandel 2026: Mercosur als Signal – und was das EU-Japan-Abkommen bereits zeigt

Mi 13.05.2026, 15:14 Uhr

Der Abschluss des EU-Mercosur-Abkommens ist mehr als ein handelspolitisches Ereignis. Er ist ein Signal in einer Zeit, in der protektionistische Reflexe weltweit zunehmen. Dass das Abkommen im Januar 2026 unterzeichnet wurde und der handelspolitische Teil seit dem 1. Mai 2026 vorläufig angewendet wird, markiert eine neue Etappe: Ein großer Wirtschaftsraum wird schrittweise enger verknüpft, während anderswo Zölle und industriepolitische Abgrenzung wieder salonfähig werden.

Gerade für die deutsch-japanischen Wirtschaftsbeziehungen lohnt sich damit ein grundsätzlicher Blick: Was können Freihandelsabkommen realistisch leisten und woran misst man ihren Erfolg? In der Praxis sind es selten einzelne, große Effekte. Entscheidend sind vielmehr drei Kriterien: erstens der Abbau von Zöllen und anderen Hürden, zweitens gemeinsame Standards sowie die Planbarkeit von Regeln, und drittens die Fähigkeit, Wertschöpfungsketten in einem verlässlichen Rahmen weiterzuentwickeln.

Mercosur als aktuelles Signal

Beim EU-Mercosur-Abkommen betont die EU vor allem den Abbau von Handelsbarrieren, den Zugang zu öffentlichen Ausschreibungen, Entlastungen bei hohen Industriezöllen sowie wirtschaftliche Sicherheitsaspekte, etwa den Zugang zu kritischen Rohstoffen. Gleichzeitig bleibt die politische Debatte um Landwirtschaft sowie Umwelt- und Sozialstandards präsent. Das ist ein typischer Zielkonflikt, der die Umsetzung und Akzeptanz solcher Abkommen langfristig prägt.

Was zeigt das EU-Japan-Abkommen bereits?

Genau an diesem Punkt lohnt sich der Vergleich mit dem EU-Japan Economic Partnership Agreement (EPA), das seit dem 1. Februar 2019 in Kraft ist. Der Blick auf die Entwicklung seitdem ist hilfreich, weil er zeigt, wie Ergebnisse bei einem modernen Abkommen aussehen: Von 2018 (dem Jahr vor Inkrafttreten) bis 2025 sind die gesamten Handelsströme (Waren und Dienstleistungen) zwischen EU und Japan um mehr als 20 Prozent gestiegen.

Besonders auffällig ist der Zuwachs im Dienstleistungshandel: 2025 lag das gesamte Dienstleistungshandelsvolumen (Importe und Exporte) bei 68,8 Mrd. Euro (gegenüber 43,3 Mrd. Euro in 2018). Das EPA ist zudem kein „klassischer“ Zollvertrag, sondern ein Regelwerk mit hoher Abdeckung: Bei voller Umsetzung liberalisiert es einen sehr großen Teil der Zolllinien der EU und Japans.

Hinzu kommt: Moderne Wertschöpfung ist ohne Datenflüsse kaum denkbar. Dass am 1. Juli 2024 neue Bestimmungen zu grenzüberschreitenden Datenflüssen in das EPA aufgenommen wurden, ist deshalb ein praktischer Fortschritt für Unternehmen und ein Signal gegen digitalen Protektionismus. Der Erfolg eines Abkommens bemisst sich deshalb nicht nur an einzelnen Exportzahlen, sondern an Planbarkeit, Rechts- und Standardsicherheit, administrativen Erleichterungen – und an der Frage, ob Unternehmen neue Spielräume tatsächlich in Geschäftsmodelle übersetzen können.

Relevanz für Deutschland und Japan im Jahr 2026

Für deutsche und japanische Unternehmen wird 2026 handelspolitisch vor allem ein Jahr der Robustheit. Lieferketten sollen widerstandsfähiger werden, gleichzeitig bleibt der Kostendruck hoch. In diesem Umfeld sind Freihandelsabkommen ein strategisches Instrument. Nicht als Allheilmittel, aber als stabiler Rahmen, um Wertschöpfung zu diversifizieren, Investitionen zu verstetigen und Handelskonflikte abzufedern.

Der europäische Schritt Richtung Mercosur unterstreicht zusätzlich: Die EU versucht, Handelsräume zu sichern und Partnerschaften zu verbreitern. Für die deutsch-japanische Community ist das eine doppelte Botschaft. Das EPA liefert bereits belastbare Indikatoren, dass regelbasierte Öffnung wirkt, insbesondere bei Dienstleistungen, Standards und digitalen Rahmenbedingungen. Neue Abkommen werden ihren Wert ebenfalls erst dann entfalten, wenn Unternehmen operativ nachziehen.

Freihandel ist 2026 weniger Ideologie als Standortpolitik. Das EPA zeigt, dass moderne Abkommen messbare Ergebnisse liefern. Das EU-Mercosur-Abkommen setzt nun ein weiteres Signal gegen Abschottung. Entscheidend wird sein, ob Unternehmen die neuen Spielräume konsequent in Umsetzung übersetzen.

Gerhard Wiesheu
Vorstandssprecher, B. Metzler seel. Sohn & Co. AG
DJW-Vorstandsvorsitzender
info@djw.de
http://www.djw.de
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