Gerhard Wiesheu, DJW-Vorstandsvorsitzender
Ausblick auf 2024: Chancen für Kooperationen zwischen Deutschland und Japan
Das ereignisreiche Jahr 2023 neigt sich dem Ende zu und offenbarte, vor welchen Herausforderungen Deutschland und Japan in Zukunft stehen. Gleichzeitig eröffnen sich aber auch Chancen, die es für beide Länder zu ergreifen gilt.
Die Wirtschaft Deutschlands kämpft mit strukturellen Defiziten: So investiert der deutsche Staat schon seit Jahrzehnten jedes Jahr weniger in Infrastruktur, Bildung – Stichwort Pisa-Studie – sowie Forschung & Entwicklung. Entsprechend verlangsamte sich das Wirtschaftswachstum merklich. Darüber hinaus belastet die Bürokratie den Unternehmergeist in Deutschland. Doch insbesondere dieser Unternehmergeist wird dringend benötigt, da chinesische Exportunternehmen zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz in den deutschen Paradebranchen Automobilindustrie und Maschinenbau werden. Und nicht zuletzt muss Deutschland auch eine Antwort darauf finden, wie wichtige energieintensive Branchen vor dem Hintergrund der hohen Energiepreise im Land gehalten werden können.
Die gute Nachricht ist, dass Deutschland es selbst in der Hand hat, Bürokratie abzubauen, mehr zu investieren, den Bildungssektor zu verbessern, die Energiewende voranzutreiben und insgesamt zukunftsfähiger zu werden.
Blick nach Fernost
In Japan sind die Herausforderungen dagegen etwas anders gelagert. Die Bank von Japan verfolgt immer noch eine Negativzinspolitik, obwohl die US-Notenbank und die EZB ihre Leitzinsen seit 2022 erheblich angehoben haben. Die Folge ist an den Devisenmärkten zu beobachten: Der um die Kaufkraft bereinigte Außenwert des japanischen Yen war zuletzt noch nie so niedrig wie seit Beginn der Aufzeichnung der Daten im Jahr 1970. Trotz des wettbewerbsfähigen Wechselkursniveaus verzeichnen die japanischen Exporte kaum Zuwächse – eigentlich hätte mit einem Exportboom gerechnet werden müssen. Japanische Unternehmen produzieren jedoch überwiegend in den Auslandsmärkten vor Ort, sodass der Export immer stärker an Bedeutung verliert. Der schwache Yen-Wechselkurs verteuert jedoch auch die Importe – und heizt damit die Inflation an.
Aufgrund des immer noch schwachen Lohnwachstums sinken die Realeinkommen der privaten Haushalte zum Teil merklich. Die Bank von Japan könnte zwar den Leitzins anheben, um den Yen zu stärken, würde damit aber gleichzeitig einen unnötigen Konjunkturabschwung riskieren.
Grundsätzlich geht es also um die Frage, wie die Wirtschaftspolitik in Japan die Deflations-Psychologie überwinden und wie sie eine robuste Konsumlaune herstellen kann, sodass die Binnennachfrage gestärkt wird. Die Folgen wären ein robuster Arbeitsmarkt und die zur Erreichung des Inflationsziels notwendigen Lohnsteigerungsraten.
Die Chancen für Kooperationen wachsen
Für das kommende Jahr stellen sich viele Fragen: Wie können Deutschland und Japan ihre heimischen Industrien effizient fördern und schützen? Hier besteht die Chance für eine engere Kooperation zwischen Deutschland und Japan. Die Zusammenarbeit der vergangenen Jahre hat gezeigt, dass großes Potenzial im Austausch beider Industrienationen steckt.
Ein weiteres wichtiges Thema ist Nachhaltigkeit bzw. ESG. Beide Länder müssen noch große Fortschritte erzielen, um ihren Beitrag zur Erreichung der Klimaziele von Paris zu leisten. Das Jahr 2024 könnte also durchaus die Chance bieten, die strukturellen Probleme in beiden Volkswirtschaften anzugehen. Die sehr guten politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Japan dürften sich deshalb auch 2024 weiter vertiefen.
