Gerhard Wiesheu, DJW Vorstandsvorsitzender
Japans wirtschaftlicher Wandel und was er für Deutschland bedeutet
Bevor ich auf das Thema dieser Kolumne eingehe, ein persönliches Wort vorab. Japan ist zuletzt schwer geprüft worden. Das Erdbeben in der Präfektur Kumamoto hat Menschenleben gefordert und viele Familien und Gemeinden hart getroffen. Unser aufrichtiges Mitgefühl gilt den Opfern, ihren Angehörigen und allen, die vor Ort helfen und den Wiederaufbau tragen.
Im Deutsch-Japanischen Wirtschaftskreis erleben wir täglich, wie eng beide Länder miteinander verbunden sind: wirtschaftlich, kulturell, vor allem aber menschlich. Umso aufmerksamer verfolgen wir, wie sich Japan gerade entwickelt.
Japans Wirtschaft verändert sich
Japan hat wirtschaftlich schon häufig Geduld verlangt. Kaum ein anderer Aktienmarkt steht so sinnbildlich für die langen Zyklen von Aufstieg, Ernüchterung und Erneuerung. Ende der 1980er-Jahre schien die japanische Wirtschaft nahezu unaufhaltsam. Nach dem Platzen der Vermögenspreisblase folgten jedoch Jahrzehnte, die von Deflation und schwachem nominalem Wachstum geprägt waren.
Nun ist dieser Prozess beendet. Der japanische Aktienmarkt hat neue historische Höchststände erreicht. Doch wichtiger als die Rekorde selbst ist die Frage, worauf sie beruhen. Handelt es sich lediglich um eine verspätete Aufholbewegung, oder erleben wir einen grundlegenden Wandel der japanischen Wirtschaft?
Vieles spricht dafür, dass die Entwicklung diesmal auf einem breiteren und tragfähigeren Fundament steht. Die Stärken japanischer Unternehmen waren nie verschwunden. Japan verfügt seit Jahrzehnten über hervorragende Ingenieurskunst und starke Marken mit zahlreichen Weltmarktführern in industriellen Nischen. Das eigentliche Problem lag häufig weniger in der Qualität der Produkte als in der Verwendung des erwirtschafteten Kapitals. Hohe Liquiditätsbestände führten unter anderem dazu, dass die technologische Stärke vieler Unternehmen nur unzureichend in eine höhere Wertschöpfung für Investoren übersetzt wurde.
Ein neues Verständnis unternehmerischer Verantwortung
Genau hier findet inzwischen ein bemerkenswerter Wandel statt. Die Corporate-Governance-Reformen der vergangenen Jahre zeigen Wirkung. Unternehmen überprüfen ihre Beteiligungsstrukturen, veräußern unproduktive Vermögenswerte, erhöhen Dividenden und kaufen eigene Aktien zurück. Entscheidend ist dabei ein verändertes Verständnis unternehmerischer Verantwortung: Nicht mehr allein die Größe und Stabilität der Bilanz stehen im Mittelpunkt, sondern zunehmend auch die Frage, welchen Ertrag das eingesetzte Kapital erwirtschaftet. Diese Entwicklung ist mehr als eine technische Reform des Kapitalmarktes. Sie berührt das Selbstverständnis japanischer Unternehmen.
Hinzu kommt ein verändertes makroökonomisches Umfeld. Nach Jahrzehnten der Deflation kehren moderate Preissteigerungen und höhere Löhne zurück. Für Unternehmen mit starken Marktpositionen kann dies von erheblicher Bedeutung sein.
Wo Künstliche Intelligenz auf Maschinen trifft
Besonders interessant ist die Rolle Japans in den großen technologischen Transformationsprozessen unserer Zeit. Wenn von Künstlicher Intelligenz gesprochen wird, richtet sich der Blick häufig zunächst auf die großen US-amerikanischen Unternehmen. Doch KI benötigt eine physische Infrastruktur: Halbleiter, Produktionsanlagen, Sensoren, Spezialchemikalien, Rechenzentren und andere leistungsfähige Komponenten.
In vielen dieser Bereiche gehören japanische Unternehmen zur Weltspitze. Japan ist somit nicht nur Anwender, sondern ein unverzichtbarer Ausrüster der digitalen Transformation. Gleiches gilt für Robotik und Automatisierung. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels werden diese Technologien weiter an Bedeutung gewinnen. Japan besitzt gerade dort besondere Kompetenzen, wo KI auf Maschinen und Produktionsprozesse trifft.
Gemeinsame Herausforderungen, gemeinsame Chancen
Für deutsche Unternehmen ergeben sich daraus zahlreiche Anknüpfungspunkte. Beide Länder stehen vor ähnlichen Herausforderungen: alternde Gesellschaften, Fachkräftemangel, steigender Innovationsdruck, die Dekarbonisierung der Industrie und die Notwendigkeit widerstandsfähiger Lieferketten.
Der wirtschaftliche Aufbruch Japans sollte deshalb nicht nur aus Sicht der Finanzmärkte betrachtet werden. Er eröffnet neue Möglichkeiten für industrielle Kooperationen, gemeinsame Forschung, technologische Partnerschaften und Investitionen. Gerade in den Bereichen Robotik, Halbleiter, Mobilität, Energie, Cybersecurity und industrielle Künstliche Intelligenz können Deutschland und Japan voneinander profitieren.
Der neue Höchststand des Aktienmarktes ist deshalb mehr als eine Zahl. Er ist Ausdruck eines neuen Selbstvertrauens und vielleicht auch eines kulturellen Wandels. Nach mehr als drei Jahrzehnten hat Japan nicht einfach nur den Stand von 1989 wieder erreicht. Das Land hat sich verändert.
