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Interview aus der J-BIG-April-Ausgabe von Björn Eichstädt und Nina Blagojevic

Kyocera Document Solutions – „Wir müssen kreative Antworten auf die komplexen Fragen unserer Zeit finden“

Artikel unseres Fördermitglieds Storymaker GmbH

Mo 14.06.2021, 13:07 Uhr

Mit Druckern und Scannern hat Kyocera Document Solutions die Büros vieler deutscher Unternehmen erobert. Doch auch im Office wird immer weniger gedruckt. Wie reagiert das Unternehmen auf einen sich wandelnden Markt? Und welche Rolle spielt dabei die Kyocera Firmen-Philosophie? Darüber sprachen wir mit Dietmar Nick, Geschäftsführer von Kyocera Document Solutions in Deutschland.

J-BIG: Herr Nick, wie würden Sie Kyocera den Lesern beschreiben, die das Unternehmen nicht kennen?

Dietmar Nick: Der Name Kyocera kommt von KYOto CERAmic, und das sagt schon einiges über das Unternehmen aus. Unsere Wurzeln liegen in der Keramikindustrie – auch heute noch ein wichtiger Geschäftsbereich für Kyocera. Gegründet wurde das Unternehmen vor gut 60 Jahren von einem jungen Mann namens Kazuo Inamori, heute in Japan ein gefeierter Unternehmer. Inzwischen umfasst Kyocera als Konzern ein sehr diversifiziertes Portfolio: Keramikkomponenten, etwa für die Automobilindustrie, gehören noch immer zu unseren Kernkompetenzen, aber auch optische Komponenten, Halbleiter oder eben die „Document Solutions“. Wir machen sogar einige Consumer-Produkte, zu  m Beispiel Keramikmesser – ein klassischer japanischer Mischkonzern also.

Als Gesamtkonzern beschäftigen wir ungefähr 77.000 Mitarbeiter in 248 Niederlassungen und mit einem weltweiten Umsatz von 13 Milliarden Euro. Davon entfallen 23 Prozent auf die Document Solutions, mehr als auf jeden anderen Geschäftsbereich. Unser Konzern mit Hauptsitz in Osaka beschäftigt rund 22.000 Mitarbeiter in 84 Einzelunternehmen. Weltweit haben wir 38 Sales-Niederlassungen.

J-BIG: Wie ist Kyocera in Deutschland aufgestellt?

Dietmar Nick: Hier in Meerbusch ist der Hauptsitz der Kyocera Document Solutions Deutschland GmbH. Wir sind zugleich verantwortlich für unsere österreichische Tochter in Wien, unsere Software-Tochterfirma AKI in Würzburg und schließlich die Firma Alos in Köln, die wir 2018 akquiriert haben.

Daneben gibt es in Esslingen die Kyocera Europe GmbH, die sich vor allem mit optischen Komponenten für die Zulieferindustrie befasst. Das ist ein ganz anderes Business als in der Document-Solutions-Sparte: Den Namen „Kyocera“ werden Sie hier im Endprodukt niemals sehen, da die Bauteile vollständig verbaut sind, z.B. in Autos. Dementsprechend ist auch die Aufstellung etwas anders: In Esslingen wird das gesamte Europa-Geschäft gesteuert, mit eigener Forschungs- und Entwicklungsabteilung und einigen Kollegen aus Japan vor Ort. So etwas haben wir hier nicht – den letzten japanischen Geschäftsführer habe ich 2001 erlebt, seitdem sind wir hundertprozentig unter deutscher Führung. Im Kern sind wir eine reine Sales-Niederlassung, auch wenn wir uns gerade stärker in den Service-Bereich hineinentwickeln. Vor Ort beschäftigen wir ungefähr 260 Mitarbeiter, primär in Vertrieb, Service und Marketing.

J-BIG: Welche Rolle spielt der deutsche Markt speziell für die Document Solutions?

Dietmar Nick: Deutschland ist ein sehr wichtiger Markt für uns. Von den insgesamt drei Milliarden Euro, die Kyocera Document Solutions global erwirtschaftet, entfallen circa eine Milliarde auf Europa, eine Milliarde auf Nordamerika und eine weitere Milliarde auf den Rest der Welt. Davon verantworten wir etwa 300 Millionen Euro aus der deutschen Niederlassung. Damit sind wir die größte Sales-Gesellschaft Europas und auch weltweit ganz oben mit dabei.

Wir haben außerdem eine sehr hohe Expertise im Marketing-Bereich und die größte Brand Awareness außerhalb Japans. Ein Viertel aller Druck- und Kopiersysteme in Deutschland werden von Kyocera verkauft. Dieser Erfolg wird auch in Japan wahrgenommen: Wenn japanische Geschäftsführer in europäische Niederlassungen berufen werden, ist eine der ersten Amtshandlungen ein Besuch in Meerbusch. Die Kollegen schätzen unseren Rat und möchten sich darüber austauschen, wie wir uns organisiert haben und was wir tun.

J-BIG: Warum ist Kyocera Document Solutions Ihrer Meinung nach gerade in Deutschland so erfolgreich?

Dietmar Nick: Na ja, wir sind einfach sehr gut! Aber im Ernst, der deutsche Markt ist auch deshalb so attraktiv, weil die Struktur anders ist als etwa in Frankreich oder Spanien. Dort gibt es ein oder zwei große wirtschaftliche Zentren, mit deutlich schwächerer Industrie und Infrastruktur im Rest des Landes. Selbst in Österreich, das ja auch in unseren Verantwortungsbereich fällt, erwirtschaftet Wien 60 Prozent des Bruttosozialprodukts. Wer dieses Zentrum beherrscht, beherrscht zugleich den Markt.

In Deutschland haben wir dagegen einen sehr viel dezentraleren, fragmentierten Markt. Das bedarf einer ganz anderen Herangehensweise: Es reicht nicht, Berlin oder München zu erobern – Sie müssen den Markt in Dresden genauso verstehen wie den auf Sylt. Das heißt, wir müssen viel lokaler denken und flexibel agieren. In Japan ist das übrigens ähnlich; auch hier gibt es ein föderales System mit Millionenstädten wie Osaka, Kyoto, Nagoya, oder Tokyo. Auch deswegen interessieren sich die japanischen Kollegen besonders für unsere Strategie in Deutschland – der Marktstrategie ist nämlich ähnlich. Um die regionale Nähe zu halten, setzten wir beispielsweise im B2B-Umfeld ausschließlich auf Partner-Geschäft. Selbst wenn Sie wollten, könnte ich Ihnen keinen Drucker verkaufen, sondern müsste Sie an den nächsten Händler verweisen. Wäre ich Geschäftsführer in Frankreich, müsste ich das ganz anders aufsetzen.

J-BIG: In Deutschland sind Sie vor allem für Drucker und Kopierer bekannt und damit sehr erfolgreich. Hat dieser Geschäftsbereich noch Zukunft?

Dietmar Nick: Auf lange Sicht rechnen wir damit, dass die Nachfrage in diesem Bereich sinken wird – auch wenn wir vom papierlosen Büro meiner Meinung nach noch meilenweit entfernt sind. Momentan spürt diese Entwicklung vor allem die Medienbranche: Überall beobachten wir hier geringere Druckauflagen und mehr Online-Angebote.

Andererseits haben viele Mitarbeiter von Unternehmen im ersten Corona-Lockdown nach dem Wechsel ins Homeoffice erstmal einen neuen Drucker gekauft. Hier haben wir deutlich gemerkt: Was man im Büro als gegeben hinnimmt, vermisst man plötzlich im Homeoffice – auch wenn der dadurch entstehende Wildwuchs aus IT-Sicherheits- und Datenschutzsicht einige Probleme mit sich bringt. Einen ähnlichen Trend sehen wir im privaten Bereich, etwa beim Thema Fotos: Fotobücher oder digitale Fotodrucker sind derzeit sehr im Trend. Gedruckte Dokumente ermöglichen eben eine intensivere Auseinandersetzung und schaffen zugleich Ordnung und Übersicht. Wie viele von uns haben schon längt den Überblick über die tausenden Fotos auf unserem Smartphone verloren?

Das Druckergeschäft ist aus meiner Sicht also noch lange nicht obsolet, aber es ist eingebunden in einen übergeordneten Problemkomplex: Das Dokumenten-Management. Hier sehen wir die Zukunft der Kyocera Document Solutions, nicht nur in Deutschland.

J-BIG: Was genau ist mit Dokumenten-Management gemeint? An welcher Stelle kommen hier Lösungen von Kyocera zum Einsatz?

Dietmar Nick: Zugrunde liegt eine einfache, aber dennoch zentrale Erkenntnis: Entscheidend ist nicht die Form des Dokumentes, sondern die darin enthaltene Information. Diese richtig und effektiv aufzuarbeiten ist die eigentliche Aufgabe jeder Form von Dokumenten-Management.

In den allermeisten Büros gibt es aktuell eine Mischform aus digitalen und analogen Dokumenten. Und digitale Dokumente verdienen genauso viel Beachtung wie ein haptisches, ausgedrucktes Blatt Papier. Sie müssen abgelegt werden, man muss sie suchen und finden können. Dazu bedarf es nicht nur der richtigen Software, sondern auch neuer Arbeitsprozesse und Workflows.

In Zukunft könnte eine typische Situation zum Beispiel so aussehen: Ein Mitarbeiter kommt ins Büro und stellt fest, dass er gar keine haptischen Briefe oder Rechnungen mehr bekommt –weil diese direkt digital ausgestellt oder bereits von der Buchhaltung eingescannt wurden. Mit der richtigen Software wurden dabei alle zentralen Informationen so aufbereitet, dass sie auf den ersten Blick erkennbar sind und mit alles Subsystemen integriert funktionieren. So sieht der Mitarbeiter beispielsweise in seiner Taskleiste, dass die Rechnung eines Lieferanten bald fällig wird, und welche Stationen diese bereits durchlaufen hat. Die Rechnung wurde schon automatisch in das ERP-System eingelesen, die Rechnungsbeträge sind übertragen und alles ist bereit zur Buchung. Das spart nicht nur Zeit, sondern eliminiert zugleich auch typische Fehlerquellen bei der händischen Datenübertragung. Und am Ende wird das Ganze auch noch so archiviert, dass der Mitarbeiter das Dokument auch nach Jahren wieder findet – inklusive der Informationen, wann es zuletzt von wem geöffnet und bearbeitet wurde.

Diesen gesamten Prozess können wir mit unseren Lösungen abbilden. Unsere Hardware fungiert als eine Art Gateway zwischen analoger und digitaler Welt. Dazwischen steht unsere Software, die die Dokumente verarbeitet, mit künstlicher Intelligenz versieht, an die jeweiligen Subsysteme weiterleitet und gegebenenfalls auch wieder abholt und richtig ablegt. Mit unseren Zukäufen in den letzten Jahren haben wir uns hier sehr viel Know-how an Bord geholt – die Firma Alos in Köln beispielsweise ist Experte für die Informationsaufbereitung beim Scannen. Sogar handschriftliche Texte kann die Software erkennen und aufbereiten.

J-BIG: Eine umfassende Neuausrichtung – was verändert diese für Kyocera?

Dietmar Nick: Wir kommen aus einer eigentlich sehr komfortablen Situation – als Spezialist für Druck- und Scanner-Lösungen sind wir in Deutschland als Name etabliert, nicht zuletzt aufgrund unserer Sponsoringaktivitäten bei Borussia Mönchengladbach. In unserem Segment gehören wir zu den Marktführern, und natürlich ist es unser Ziel, diese „freundliche Stärke“, wie wir es nennen, auch in den Bereich des Dokumenten- und Informations-Management zu transferieren.

Der Weg dorthin ist allerdings nicht einfach: Wir müssen letztendlich unser Business von einer Hardware- zu einer Software-orientierten Verkaufseinheit transformieren, ohne dabei unser jetziges Kerngeschäft zu stark zu vernachlässigen – und dabei sowohl Kunden als auch Mitarbeiter abholen. Wo wir früher als Hardware-Experten mit einem Schraubenzieher ausrückten, brauchen wir verstärkt Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die Software warten können und sich in SAP- und Cloud-Umgebungen auskennen. Um das zu gewährleisten, haben wir ein umfangreiches Lernprogramm aufgesetzt. So hoffen wir, diesen neuen Mindset auch in den Köpfen unserer Mitarbeiter anzustoßen.

Eine weitere Herausforderung ist, dass das Thema Dokumenten-Management sehr lokal geprägt ist – Datenschutzverordnungen etwa sind in jedem Land anders, und das beeinflusst die Services, die wir anbieten müssen. Das bedeutet natürlich auch, dass es lokal unterschiedliche Sichtweisen geben wird. Was wir in Deutschland machen, muss nicht das Richtige sein für den französischen Markt. Gerade beim Software-Customizing diversifizieren wir also stark in die Länder herein. Das ist für den Konzern eine neue Entwicklung, aber zum Glück bekommen wir hier sehr viel Rückendeckung und Vertrauen aus Japan.

J-BIG: Wie würden Sie das Verhältnis von Kyocera in Japan und Deutschland beschreiben?

Dietmar Nick: Das Verhältnis ist sehr familiär – bezeichnenderweise heißt unser Mitarbeiter-Magazin auch Kyocera Family. Und genau wie in einer Familie gibt es bei uns eine gute Mischung aus Unterstützung und Freiraum. Wir führen unser Geschäft in Deutschland sehr unabhängig vom Headquarter und können selbst Entscheidungen treffen. Diese „Amöbenstruktur“ – ein Begriff unseres Gründers Kazuo Inamori – ist fester Bestandteil der Unternehmenskultur – gerade im Vertrieb ist das Prinzip „local people for the local market“ unverzichtbar. Für mich als Geschäftsführer ist das sehr wertvoll, denn so kann ich das Unternehmen so ausrichten, wie ich es vor Ort für richtig halte.

Der Nachteil dieser Amöbenstruktur ist vielleicht, dass es weniger Austausch von Europa nach Japan gibt – wir haben zwar die klassischen Expats aus Japan, aber dass Manager aus Europa für längere Zeit nach Japan gehen, ist die absolute Ausnahme. Ich war selbst in einer Versuchsgruppe und sollte mit meiner ganzen Familie für eine Weile nach Japan ziehen. Dann kamen aber 2011 Tsunami und Erdbeben dazwischen, danach stimmte aus familiären Gründen das Timing nicht mehr. Momentan liegen solche Initiativen leider ein bisschen auf Eis.

J-BIG: Viele Europäer tun sich hin und wieder schwer mit dem speziellen japanischen Management-Stil. Machen Sie diese Erfahrung auch im direkten Austausch mit Japan?

Dietmar Nick: Natürlich haben auch wir die üblichen Herausforderungen in einem japanischen Unternehmen: Langwierige Diskussionen, in denen jeder Aspekt sehr genau hinterfragt wird, und eine Liebe zum Detail, die weit über die sprichwörtliche der Deutschen hinausgeht.

In den letzten Jahren bemerken wir allerdings auch einen Generationswechsel im Management von Kyocera. Wo auf internationalen Meetings noch vor wenigen Jahren Simultandolmetscher benötigt wurden, präsentieren inzwischen bis hin zum Vorstand alle in Englisch. Auch der Führungsstil ändert sich, besonders im Umgang mit Niederlassungen außerhalb Japans. Die stark hierarchischen Strukturen spielen innerhalb der Kyocera-Gemeinschaft in Japan noch eine Rolle; außerhalb davon ist der Umgang weniger formell.

Diese Internationalisierung ist eine positive Entwicklung, bedeutet aber auch, dass die Besuche in Japan weniger werden – internationale Meetings finden heute auch mal in Los Angeles oder Dubai statt. Wenn es dann doch nach Japan geht, bemerken wir bei jedem Besuch ganz besonders die Herzlichkeit und die Sorgfalt, mit der beispielsweise Kundenbesuche vorbereitet werden. Dann sieht man, dass die japanische Akribie etwas sehr Positives haben kann.

J-BIG: Besuche sind derzeit ja nicht möglich. Was fehlt Ihnen besonders an den Reisen nach Japan?

Dietmar Nick: Lassen wir mal das gute Essen in Japan außen vor – auch wenn das in der Tat sehr fehlt. Noch wichtiger ist die persönliche Interaktion. Oft hört man gerade, Videokonferenzen seien die Methode der Zukunft; sparen Zeit und Kosten für Reisen. Ich finde sie allerdings furchtbar, denn sie übertragen keine Emotionen. Im Gegensatz zu dem, was so mancher in Deutschland glaubt, sind auch unsere japanischen Kollegen Menschen, die Emotionen zeigen – nur auf andere Art und Weise. Für uns Deutsche sind diese teils schon in der persönlichen Interaktion schwierig einzuordnen. Das gilt erst recht für digitale Konferenzen, wo viele Kollegen die aktuelle Stimmung im Meeting gar nicht einschätzen können.

Zudem lebt die japanische Didaktik vom Wiederholen und Vereinfachen der Inhalte; ein Prinzip, das auch viele Meetings bestimmt. Videokonferenzen sind jedoch ein sehr scharfes Medium: Nach einer Stunde ist Schluss. Da bleibt oft kein Raum für Reflexion oder Wiederholungen, und keine Nachbesprechung bei einem Bier, wo oft die finale Entscheidung fällt. Dazu kommt die Zeitdifferenz: Eine Seite ist eigentlich immer müde. Die letzte Vorstandssitzung mit japanischen Kollegen fand an einem Freitag um sechs Uhr morgens statt. Da will man gegen 12 Uhr mittags am liebsten schon wieder ins Bett. In der Summe führt diese Situation dazu, dass die eine oder andere Entscheidung schwerfälliger ist als sonst. Manche Themen verzögern wir sogar bewusst, bis persönliche Treffen wieder möglich werden.

Allerdings muss ich auch sagen, dass sich der Konzern sehr schnell auf die neue Situation eingestellt hat. Wir konnten hier in Deutschland vom ersten Tag an im Homeoffice arbeiten, obwohl das in Japan nicht sehr verbreitet ist. Auch hier gilt: Wir können hier entscheiden, was wir für den deutschen Markt für richtig halten. Und auch der Familiengedanke war in dieser Krisensituation sofort spürbar: Gerade im Corona-Zeiten ist die oberste Prämisse die Sicherheit unserer Mitarbeiter. Wir wurden in Europa sofort mit Masken und Desinfektionsmitteln aus Japan versorgt. Gerade die Kollegen in Italien und Spanien waren für diese Hilfe sehr dankbar. Und es gab Management-Sitzungen, in denen es darum ging, wo und wie die Kollegen aus Japan noch weiterhelfen können. Das ist schon etwas Besonderes und gibt einem das gute Gefühl, trotz aller Schwierigkeiten diese Zeit glimpflich überstehen zu können.

Wenn das alles vorbei ist, dann waren die letzten eineinhalb Jahre Corona eben genau das: eineinhalb Jahre in einer über 60-jährigen Unternehmensgeschichte. In seiner Geschichte ist Kyocera schon durch viele Krisen gegangen – die Ölkrise in den Siebzigern, der Lehman Brothers Schock in den 2000ern und nun eben Corona. Alle haben wir bisher überstanden, nicht zuletzt dank der Rückendeckung aus dem japanischen Headquarter.

J-BIG: Spielt die japanische Kultur trotz dieser Freiräume eine Rolle bei Kyocera Document Solutions in Deutschland?

Dietmar Nick: Eine sehr große sogar. Wir sind stark geprägt von der Kyocera Firmenphilosophie. Der Begriff „Purpose“ wird ja gerade durch alle Business-Medien gejagt, bei uns wurde er bereits vor Jahrzehnten von Firmengründer Kazuo Inamori formuliert: Das oberste Ziel von Kyocera ist es, dafür zu sorgen, dass unsere Mitarbeiter intellektuell und finanziell wachsen können und damit zu einer besseren Gesellschaft beitragen. Das mag etwas hochtrabend klingen, aber eigentlich ist das doch der schönste Zweck, den ein Unternehmen überhaupt haben kann.

Wir erfüllen diesen Anspruch einerseits durch unsere Technologien und andererseits durch die Art und Weise, wie wir mit Menschen umgehen. Wie viele japanische Unternehmen haben wir eine klar ausformulierte Kyocera Philosophie, und wir Manager tragen diese in Form einer kleinen Fibel ständig bei uns. Ein wichtiger Leitsatz lautet zum Beispiel: „Do the right thing as a human being“, also lass dich als Manager oder Mitarbeiter bei jeder Entscheidung davon leiten, was menschlich korrekt ist – vor allen wirtschaftlichen Betrachtungen. Das klingt zunächst abstrakt, aber dieser Gedanke kommt immer dann zum Tragen, wenn wir beispielsweise über Organisationsänderungen oder die Einführung neuer Programme sprechen. Wir werden außerdem intensiv und regelmäßig darin geschult, wie wir diese Prinzipien in die Praxis umsetzen und was sie für unseren Arbeitsalltag bedeuten. 

J-BIG: Wie kann man sich eine solche Schulung vorstellen?

Dietmar Nick: Alle Manager besuchen zweimal im Jahr ein europäisches Managementphilosophie-Seminar. Hier kommen alle Geschäftsführer für zwei Tage zusammen – nicht, um über Verkaufszahlen und Strategien zu sprechen, sondern über die Interpretation von verschiedenen Thematiken und Prinzipien unserer Firmenphilosophie. Was bedeutet ein bestimmter Leitsatz für einen Fabrikarbeiter in Tschechien, was für einen Sales-Mitarbeiter in Deutschland? Da wird sehr intensiv diskutiert, und das japanische Topmanagement gibt Guidance und beantwortet auch kritische Fragen sehr offen . Dass ein globaler Konzern dem Thema Firmen-Kultur und -Philosophie ein solches Investment widmet, finde ich auch nach 20 Jahren im Unternehmen noch immer sehr bemerkenswert.

Die Ergebnisse dieser Workshops tragen wir dann in lokalen Philosophie-Seminaren an unsere Mitarbeiter weiter. Vielerorts gibt es auch 15-minütige Morgen-Meetings, in denen ein Satz aus unserer Philosophie vorgelesen und besprochen wird. Zum Beispiel „Always be creative“ – dann erzählen Mitarbeiter in 10 Minuten, wo sie in den letzten Tagen kreative Lösungen gefunden haben. Ganz nebenbei sorgen wir damit zugleich für einen transparenten Informationsfluss. So etwas verkaufen Unternehmensberater heute als hohe Management-Kunst – Kyocera macht das seit Jahrzehnten so.

J-BIG: Über welchen Leitsatz haben Sie zuletzt mit Ihrem Team gesprochen?

Dietmar Nick: “Always possess a fighting spirit”. Wir leben in herausfordernden Zeiten, und gerade deshalb dürfen wir eines nicht vergessen: Egal, wie schwierig es wird, es muss immer weitergehen. Wir müssen kreative Antworten auf die komplexen Fragen unserer Zeit finden und diese jeden Tag aufs Neue auf ihre Richtigkeit überprüfen.

Das vergangene Jahr hat uns allen viele persönliche, wirtschaftliche und gesundheitliche Steine in den Weg gelegt. Aber rückblickend hat diese Situation bei Kyocera auch sehr viel Kreativität freigesetzt. Wir haben neue Wege gefunden, mit Kunden zu interagieren – eine virtuelle Roadshow wäre noch vor einem Jahr kaum denkbar gewesen. Wir waren gezwungen, sämtliche Abläufe und Prozesse zu hinterfragen und gegebenenfalls neu aufzusetzen. Das hat uns sehr geholfen und teilweise zu völlig neuen Ansätzen geführt. 
Nicht alle Lösungen werden in der Zukunft bestehen, aber dieser Prozess der intensiven Auseinandersetzung war aus meiner Sicht ein großer und wichtiger Schritt. 

J-BIG: Was zeichnet Kyocera neben Technologie und Philosophie noch aus?

Dietmar Nick: Ein Punkt, der uns sehr wichtig ist, ist das Thema Nachhaltigkeit: Wir streben an, der nachhaltigste Hersteller von Lösungen im Bereich Dokumenten-Output-Management zu werden, und wir sind dabei auf einem guten Weg. Wir sind momentan der einzige Hersteller, der standardmäßig jeden Drucker und das gesamte Verbrauchsmaterial CO2 neutralisiert. Das heißt: jeder, der unsere Geräte benutzt, zahlt automatisch auf die CO2-Neutralität ein.

Nachhaltigkeit ist ebenfalls eines der zentralen Prinzipien unserer Firmenphilosophie: das Thema Umwelt und CSR war hier von Anfang an mitgedacht und ist fest in unserer DNA verwurzelt. Unser Firmenmotto lautet: „Respect the divine and love people“. Etwas heruntergebrochen bedeutet das, dass wir mit Ressourcen und den Menschen stets verantwortungsvoll und respektvoll umgehen.

J-BIG: Was würden Sie japanischen Unternehmen raten, die den Schritt nach Deutschland wagen wollen?

Dietmar Nick: Zunächst würde ich sagen: Wagen Sie ihn. Aufgrund der wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen ist Deutschland das attraktivste Land, um in den europäischen Markt einzusteigen. Die Infrastruktur ist gut, und Prozesse sind meist sehr gut organsiert – manchmal übertreiben wir es vielleicht ein bisschen mit der Bürokratie, aber das ist immer noch besser als die Alternative. Und schließlich würde ich jedem Unternehmen, das eine Vertriebsabteilung aufbauen möchte, raten, sich Mitstreiter an Bord zu holen, die den lokalen Markt gut kennen.

J-BIG: Was wünschen Sie sich in der Zukunft für Kyocera?

Dietmar Nick: Ich wünsche mir vor allem, dass es uns gelingt, den Transformationsprozess in Richtung Dokumenten-Management erfolgreich zu vollziehen – gerade aus der Perspektive unserer Mitarbeiter. Für Kyocera wird es immer das oberste Ziel sein, dass unsere Mitarbeiter sich wohlfühlen und wir in irgendeiner Form dazu beitragen, dass unsere Gesellschaft ein Stück besser wird. Wir helfen dabei, dass Krankenhäuser sicher drucken, dass Dokumente nicht verloren gehen, dass keine Firmengeheimnisse in die falschen Hände geraten. All das trägt dazu bei, unser aller Leben etwas besser zu machen. Das ist die große Vision, die wir für die nächsten Jahre und Jahrzehnte haben.


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