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Die Freiheit des Marktes

Dr. Ruprecht Vondran, Ehrenvorsitzender des DJW

Düsseldorf brachte die Wende

Mo 16.07.2018, 11:14 Uhr

Deutschland und Japan werben heute gemeinsam für einen unbehinderten weltweiten Austausch von Waren und Dienstleistungen. Aber das war nicht immer so. Auf dem Weg zu einem harmonischen Miteinander gab es manches Holtern und Poltern. Welch große Strecke die beiden Länder gemeinsam zurückgelegen mussten, wird mit Blick auf die Wirtschaftsgeschichte deutlich.

Wirtschaftlicher Wiederaufbau und Handelsfriktionen

Nach dem Krieg war Japan − nach Überwindung von Anlaufschwierigkeiten − mit seinem industriellen Angebot auf dem deutschen Markt sehr erfolgreich. Vor allem Erzeugnisse der Elektro- und der Kameratechnik, aber auch Motorräder, Autos und Maschinen fanden das Interesse deutscher Käufer. Zeitgleich wurden Investitionsgüter aus Deutschland weniger nachgefragt. Da sich die Warenströme veränderten, konnte Deutschland in den 70er Jahren nur noch die Hälfte seiner Importe aus Japan mit Exporten in das fernöstliche Inselland begleichen. Dagegen erlebte Japan ein verspätetes Wirtschaftswunder, auch im Außenhandel. Nippons Exporte in die USA entwickelten sich ähnlich dramatisch. Aus Amerika kamen schroffe Reaktionen: „Dumping“, „Subventionsmissbrauch“, „Protektionismus“! Die Welt stand – ähnlich wie heute – am Rande eines Handelskrieges.

Die Überlegungen des Wirtschaftsministers Graf Lambsdorff

Diese Lage fand Graf Lambsdorff vor, der in Düsseldorf zu Hause war, aber 1977 das Amt des Wirtschaftsministers in Bonn übernahm. Einem Liberalen seines Zuschnitts konnten Handelsrestriktionen, die im Raum standen, nicht gefallen. Der „Marktgraf“ – er trug seinen Namen zu Recht – ließ sich von dem Gedanken leiten: Eine Verhärtung hilft keinem. Die Märkte müssen frei bleiben. Eine Lösung des Konflikts kann nur in einem unternehmensorientierten Ausgleich liegen. Dabei dachte er in drei Richtungen:

  • Er wollte dem Bild vom Leistungsvermögen der deutschen Industrie, das etwas verblasst war, in Japan wieder schärfere Konturen geben. Dabei wollte er bewusst an die Tradition betont freundlicher deutsch-japanischer Zusammenarbeit aus der Vorkriegszeit anknüpfen.
  • Den deutschen Firmen wollte er die Chancen auf dem japanischen Markt vor Augen führen. Dabei ging er davon aus, dass diese Potentiale bei weitem nicht ausgeschöpft waren.
  • Abwehrmaßnahmen, die einen Handelskrieg auslösen könnten, wollte er unter allen Umständen vermeiden.

Die Idee einer deutschen Leistungsschau in Tokyo

Im gleichen Sinn wirkte er auch auf Washington ein. Um ein gutes Beispiel zu geben, entwickelte er das hier genannte Konzept einer „Deutschen Leistungsschau in Tokyo“. Dabei hatte er insbesondere den Maschinenbau im Blick, der schon immer ein Rückgrat der deutschen Exportwirtschaft war. Es ging ihm nicht darum, kurzfristig die Orderbücher deutscher Industrieunternehmen zu füllen. Als guter Kenner des Landes wusste er, dass Imagewerte in Japan ein besonderes Gewicht haben, aber nur über einen langen Zeitraum aufgebaut werden können. Kurzatmig darf man nicht werden. Mit seinen Überlegungen fand er nicht überall offene Türen. Im Gegenteil – mit seinem Vorhaben stieß er in Deutschland auf heftigen Widerstand. Die vom Minister angesprochenen Chefs der großen Häuser gaben näher liegenden Märkten den Vorzug, nicht nur mit Blick auf anfallende Transporte. Sie scheuten die als teuer eingeschätzten Markterschließungskosten in Fernost. Auch waren sprachliche und kulturelle Barrieren aus ihrer Sicht kaum überwindbar. Sie beriefen sich auf die Erfahrung, dass allein die Überwindung von Zollmauern nicht genüge; ein Problem seien vor allem behördliche Hindernisse im Inland, die zur Abwehr von Einfuhren dienen.

Die Diskussion über den richtigen Weg wurde auch öffentlich geführt, zeitweise äußerst heftig. Für die „Zeit“ hatte sich beispielsweise der Chefreporter in der Industrie umgetan. Die von ihm gesammelten Stimmen fanden am 20.01.1984 unter der fett gedruckten Überschrift „Peinlichkeiten. Der deutschen Industrieschau in Tokyo droht ein blamabler Misserfolg“ in die Öffentlichkeit: Die Großchemie ließ erklären, „man erwarte durch kollektive Leistungsbeweise keinen messbaren Popularitätsgewinn“. Ein Unternehmen ließ sich mit dem Hinweis zitieren, „ein demonstrativer Auftritt in Fernost grenze an Frivolität“. Selbst die Deutsche Industrie- und Handelskammer in Japan klagte aus Sorge um die Reputation der von ihr vertretenen Kundschaft: „Ehe wir uns blamieren, dann doch lieber keine Leistungsschau“.

Allen Angriffen zum Trotz verfolgte der Minister seinen Plan. Er setzte sich nicht nur schriftlich, sondern in Telefongesprächen mit vielen Konzernchefs unmittelbar ins Benehmen. Dabei ließ er vermutlich auch durchblicken, eine solche Präsentation in Japan sei sein sehr persönliches Anliegen. Um seine Entschlossenheit zum Ausdruck zu bringen, beauftragte er Kurt Schoop, damals Chef der Messe in Düsseldorf, mit der Ausarbeitung detaillierter Pläne.

Der Erfolg der Leistungsschau

Lambsdorff brachte nicht alle, aber doch eine hinreichende Zahl von Firmen hinter sich. Nach umfänglichen Vorbereitungen konnte die Veranstaltung 1984 am Hafen von Tokyo in einer weißen von deutschen Designern entworfenen Zeltstadt eröffnet werden. Sie erwies sich als großer Erfolg. Selbst die „Zeit“ ruderte zurück und befand: Die deutschen Unternehmen „sollten die Gunst der Stunde nutzen. Eine so gute Chance, alte Fehler wiedergutzumachen, kommt so bald nicht wieder“.

Am Ende fanden beide Seiten, Japaner und Deutsche, Gefallen an dem, was gelungen war. Das blieb nicht ohne Rückwirkung auf die USA. Ein Handelskrieg fand nicht statt. Angesichts der Verhärtungen, die es heute gibt, lohnt es die Frage zu stellen Wo stünden wir, wenn der „Marktgraf“ sich damals nicht durchgesetzt hätte? Den Wohlstand, den wir in einer arbeitsteiligen Welt geschaffen haben, gäbe es nicht, wenn die Handelspolitiker gegeneinander mobil gemacht hätten. Die „Deutsche Leistungsschau in Tokyo“ 1984 war ein Wendepunkt. In Düsseldorf, wo die Voraussetzungen dafür geschaffen wurden, sollte man diese Erinnerung bewahren. Seither setzen Japan und die Europäische Union sich gemeinsam weltweit mit Überzeugungskraft für die Freiheit der Märkte ein. Es gibt eine gelebte Partnerschaft, zu der wir in Düsseldorf einen achtbaren Teil beigetragen haben. So sollte es bleiben.

Gemeinsame Pressekonferenz zum EPA, Düsseldorf, 4. Mai 2018</BR>
(v. l. n. r.) Dr. Ruprecht Vondran (DJW), Andreas Schmitz (IHK), Japans Generalkonsul Ryuta Mizuuchi, NRW-Wirtschaftsminister Prof. Dr. Andreas Pinkwart, Oberbürgermeister Thomas Geisel, Masaru Abe (JIHK) und Ryo Koba (JETRO), v.l.n.r.</BR>
© Uwe Schaffmeister/Landeshauptstadt Düsseldorf Gemeinsame Pressekonferenz zum EPA, Düsseldorf, 4. Mai 2018
(v. l. n. r.) Dr. Ruprecht Vondran (DJW), Andreas Schmitz (IHK), Japans Generalkonsul Ryuta Mizuuchi, NRW-Wirtschaftsminister Prof. Dr. Andreas Pinkwart, Oberbürgermeister Thomas Geisel, Masaru Abe (JIHK) und Ryo Koba (JETRO), v.l.n.r.
© Uwe Schaffmeister/Landeshauptstadt Düsseldorf
Dr. Ruprecht Vondran
Ehrenvorsitzender des Deutsch-Japanischer Wirtschaftskreis (DJW)
Ehrenpräsident des Verbands Deutsch-Japanischer Gesellschaften (VDJG)
info@djw.de
http://www.djw.de
Dr. Ruprecht Vondran
Ehrenvorsitzender des Deutsch-Japanischer Wirtschaftskreis (DJW)
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